Die Notenbücher der Mozarts (Forschungsprojekt):
Ulrich Kaiser, Notenbücher der Mozarts als Grundlage der Analyse von W. A. Mozarts Kompositionen 1761−1767, Kassel 2007
Pressestimmen:
»[...] In dieser aus Platzgründen hier unzulässig verknappten Inhaltsskizze kann
die Vielzahl der trefflichen Beobachtungen und scharfsinnigen Schlußfolgerungen
Kaisers nicht einmal ansatzweise gewürdigt werden. Der Autor legt ein Studienbuch
vor, das keine schnellen Ergebnisse liefern will, in das sich der Leser folglich
mit- und nachdenkend vertiefen muß. Kaiser tut einen wichtigen Schritt auf das Ziel
zu, das ›Wunderkind‹ Mozart als einen ›lernenden Komponisten‹ zu verstehen, das
heißt als jemanden, der am Anfang des Weges steht, umfassend in Musik denken und
gestalten zu können. Dieser Schritt ist anspruchsvoll und wird manchem, der sich
lieber mit dem alten (und bequemen) Topos zufrieden gibt, am Ende sei Mozarts musikalisches
Vermögen doch nicht erklärbar, zu mühsam vorkommen. Aber wenn die Wissenschaft von
der Musik überhaupt zu validen Erkenntnissen gelangen will - und seien sie noch
so vorläufig und begrenzt -, dann wird sie diesen Schritt tun müssen, den Schritt
hinein in die Ordnungswelt der Töne. Kaisers anregender Studie ist zu wünschen,
daß sie intensiv gelesen und diskutiert wird.«
Acta Mozartiana 03-04/07
»In diesem blitzgescheiten und intelligent geschriebenen musiktheoretischen Buch
geht es darum, wie Kompositionen gemacht sind und nicht, was sie sind. Mit letzterem
beschäftigt man sich ja sonst gerne spekulativ, ohne nach der Machart zu fragen.
Aber das Wie und dessen Analyse ist (besonders in der Musikforschung) eine immer
noch verkannte Voraussetzung dafür, das Was zu verstehen [...]
Nach einem deprimierenden Forschungsbericht und allgemeinen, skrupulösen Erörterungen
über die Zerbrechlichkeit musikanalytischer Terminologien in Vergangenheit und Gegenwart,
wagt der Autor dennoch eine eigene Analyse der allerfrühesten Kompositionen Wolfgang
Amadé Mozarts aus den Jahren 1761-64, also der Salzburger Klavierstücke KV 1-5 und
der Menuette aus den Pariser, von einer Violine begleiteten Clavecinsonaten KV 6-9.
Mit Hilfe der aus diesen Analysen abgeleiteten Satz- und Formmodelle [...] und vieler
Vergleiche mit Stücken anderer Komponisten sowie mit zeitgenössischen Kompositionslehren
zeigt Kaiser mit überwältigender Materialfülle den fünf- bis achtjährigen Komponisten
Mozart, wie er zwar lernend nachahmt, aber auch schon eine eigene Manier entwickelt,
die weit über Normerfüllung hinausgeht und die Weichen stellt für zukünftige neuartige
Formbildungen. Kaiser vertritt damit eine Sicht auf Mozart, die allein geeignet
scheint, ihn und seine Werkbiographie ohne die leidige Fixierung auf seine späten
Meisterwerke zu verstehen.«
FORUM MUSIKBIBLIOTHEK 04/07
»Ulrich Kaisers Buch ist reich in vielerlei Hinsicht. Reich an Beispielen von Musik,
auch ganz entlegener – wer kennt schon Stücke von Leontzi Honauer, Hermann Friedrich
Raupach oder Fulgentino Peroti? Der Autor untersucht eine breite Palette von Kompositionen
vor dem Hintergrund einer Vielzahl von musiktheoretischen Texten. Nicht nur die
Schriften Matthesons, Marpurgs, Riepels oder Kochs werden herangezogen, sondern
auch Lehrschriften von Matthäus Gugl, Marianus Königsberger, Johann Ernst Eberlin,
Johann Gottfried Portmann und vielen anderen. Kaisers Buch ist reich an interessanten,
bisweilen in den Fußnoten versteckten Details. So erfährt man, dass der sechsjährige
Wolfgang bereits Orgelspielen konnte, aber nicht beim Vater, sondern vermutlich
beim Salzburger Hoforganisten Adlgasser gelernt hatte, sehr früh also bereits fremden
Einflüssen ausgesetzt war (28). Oder man lernt den ›bifocal close‹ als eine genuine
Orchestertechnik kennen, die der junge Mozart für Klavierkompositionen adaptierte
(281). Kaisers Studie [...] ist reich an pädagogischer Erfahrung, die sich etwa
in den aufschlussreichen und anschaulichen Tabellen und schematischen Darstellungen
niederschlägt sowie im Entgegenkommen an Leser und Leserin, Notenbeispiele zur besseren
Vergleichbarkeit in dieselbe Tonart zu transponieren. Reich ist sie schließlich
auch an begriffsgeschichtlichen Exkursen, in denen etwa von den Begriffsvarianten
des ›Schlußsatzes‹ (89, zur ›Schlussgruppe‹: 62), vom ›Lamentobass‹ (263) oder vom
sprachlich verunglückten und sachlich irreführenden ›Parallelismusmodell‹ (160)
die Rede ist [...]
Es ist Ulrich Kaisers unbestreitbares Verdienst, nicht etwa die Geschichte einzelner
Satzmodelle nachzuzeichnen oder an einzelnen Kompositionen Satzmodelle aufzuweisen,
sondern die Satzmodelle eines gesamten Repertoires zu rekonstruieren und zusammenzustellen.
Ein großartiger Versuch, ein Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen [...]«
ZGMTH 5/2–3 (2008)
»In den materialreichen Untersuchungen des analytischen Teils erweist sich der Ansatz immer dort als äußerst fruchtbar, wo es darum geht, Gemeinsamkeiten zwischen Kompositionen, generische Folgen von Vorbild und Nachahmung, aufzuzeigen, denn mit den Modellen steht ein differenziertes Instrumentarium zur Analyse gerade solcher intertextuellen Beziehungen zur Verfügung. Und wenn man die Grundannahme moderner Texttheorien teilt, dass es den einzelnen Text an sich außerhalb eines endlos vernetzten Universums von Texten nicht gibt, dann bietet Kaisers Ansatz vielleicht ein fruchtbares Analysemodell jenseits des Werkparadigmas [...] Auf jeden Fall liegt mit Kaisers Buch ein musiktheoretisches ›Modell‹ vor, das Anlass zu fruchtbaren Diskussionen gibt und neugierig auf weitere Anwendungen in der Praxis der musikalischen Analyse macht.«
Musiktheorie 02/09
Zu den bekannten Errata der 1. Auflage gelangen sie hier.
Abbildung des Inhaltsverzeichnisses (S. 5−6):

