Mozartforschung
Erläuterungen zum Projekt:
Dieses Online-Forschungsvorhaben dient der Untersuchung des Formteils ›Überleitung‹ in der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. Es ist beschrieben in dem in der ZGMTH erschienenen Beitrag Der Begriff der ›Überleitung‹ und die Musik Mozarts. Ein Beitrag zur Theorie der Sonatenhauptsatzform. Die folgenden Aussagen sind Ausgangspunkt der Forschung:
- Die harmonische Beschaffenheit vieler Überleitungen in Dur-Kompositionen Mozarts lässt sich verstehen als eine im Hinblick auf die Musiksprache des 18. Jahrhunderts sinnvolle Harmonisierung von Tonleiterausschnitten (2-1, 4-1, 5-1, 6-1 etc.).
- Einem Großteil dieser Überleitungen folgt ein Halbschluss (selten eine Sequenz), sie können zudem durch zusätzliche Taktgruppen erweitert werden.
Die Struktur des Tonleiterausschnitts wird durch Solmisationssilben chiffriert (z.B.
4–1 als fa-ut = Halbton-Ganzton-Ganzton oder 6-1 als la-ut = Ganzton-Ganzton-Halbton-Ganzton-Ganzton).
Die Harmonisierung der Töne des Tonleiterausschnitts einer Überleitung wird durch
Buchstaben gekennzeichnet: ›G‹ steht für eine Harmonisierung als Grundton, ›T‹ für
eine Harmonisierung als Terzton, ›Q‹ als Quintton, ›S‹ als Septimton und ›N‹ als
Nonenton.
Große Buchstaben kennzeichnen zudem eine große Terz über dem Grundton, kleine Buchstaben
eine kleine Terz. Im Falle der nachstehenden Abbildung stände ›4G‹ demnach für eine
Harmonisierung des vierten Tons ›F‹ als F-Dur (›F‹ als Grundton), ›4t‹ chiffriert
dagegen einen D-Moll-Akkord (›F‹ als Terzton). ›2Q‹ der Tabelle kennzeichnet den
zweiten Ton ›D‹ des Tetrachords, der als Quinte eines G-Dur-Dreiklangs oder -Septakkords
einen entsprechenden Klang in einer Komposition referenziert:
Ein hypothetisches Chiffrierungsbeispiel mit Erläuterungen zu dem oben abgebildeten Tetrachord:
Tetrachord fa-ut mit 4N-3q-2g-2Q-1G
- 4N = ›f‹ als None über ›e‹, z.B. als verm. Septakkord (gis-h-d-f)
- 3q = ›e‹ als Quinte (a-c-e)
- 2g = ›d‹ zuerst als Grundton (d-f-a)
- 2Q = ›d‹ anschließend als Quintton (g-h-d)
- 1G = ›c‹ als Grundton (c-e-g)
Wie aus dem Beispiel ersichtlich, erscheinen verminderte und halbverminderte Septakkorde
mit dominantischer Funktion (im Sinne der Funktionstheorie) in der Systematik als
›verkürzte Dominantseptnonakkorde‹, werden also auf die Terz unter dem tiefsten
Ton der Terzenschichtung bezogen (4N = großes N für die große Terz e-gis des verminderten
Septakkores gis-h-d-f). Halbverminderte Septakkorde oder verminderte Dreiklänge
ohne dominantische Funktion im Sinne der Funktionstheorie − z.B.
im Rahmen einer Quintfallsequenz − werden dagegen nicht auf substruierte
Fundamente bezogen. Diese Chiffrierung ist aus systematischen und pragmatischen
Gründen gewählt worden, mit ihr verbindet sich keine Aussage zur Bedeutung bzw.
Auffassung verminderter Septakkorde im 18. Jahrhundert.
Chromatisierung einzelner Skalentöne eines idealtypischen Verlaufs können unter
besonderen Umständen als akzidentielle (und nicht als substantielle) Veränderung
verstanden werden (vgl. hierzu die Ausführungen am Ende meines
Aufsatzes). Der idealtypische Tetrachord f-es-d-c ließe sich also unter
spezifischen Umständen als chromatische Variante des Tetrachords f-e-d-c auffassen
(also als farbliche Variante der Struktur fa-mi-re-ut und nicht als eigenständige
Struktur sol-fa-mi-re).
Die Außenstimmensätze, durch welche sich die Harmonik vermittelt, sind variabel
und werden durch Harmoniefolgen nicht festgelegt. In der folgenden Abbildung repräsentieren
z.B. die abgebildeten Außenstimmensätze das gleiche Harmoniemodell ›4G-3T-2Q-1G‹,
die schwarzen Noten ohne Hals veranschaulichen den Idealtyp bzw. einen Tonleiterausschnitt
fa–ut:
Ob sich durch einen idealtypischen Tonleiterausschnitt referenzierte Überleitungen ›modulierend‹ oder ›nicht modulierend‹ verhalten, lässt sich nur über den Kontext bestimmen. Überleitungen wirken in der Regel modulierend, wenn Sie in Dur mit einem Halbschluss in der Nebentonart (3. Absatz nach Heinrich Christoph Koch) enden.